Tuesday, 27 October 2009

Statistik


Wenn man als Europäer eine afrikanische Großfamilie sieht, fühlt man sich gleich etwas schuldig: sind wir mittlerweile so egoistisch und selbstsüchtig geworden, dass wir nicht den Mut haben Kinder in die Welt zu setzen? Sind der gehobene Lebensstandard und die damit verbundenen Kosten wirklich eine gute Entschuldigung um sich mit 1.2 Kindern pro Familie zufrieden zu geben? Sollten wir nicht von denen lernen die, trotz Armut, mit 6, 7, 12 Kindern immer noch nicht genug zu haben scheinen? Sollten Kinder nicht als Segen statt als Last gesehen werden?

In Angola habe ich aber auch die andere (dunkle) Seite der Medaille kennen gelernt: die Anzahl der Kinder hat nicht unbedingt mit Kinderliebe oder Optimismus zu tun. Wenn man eine Mutter oder einen Vater fragt warum sie so viele Kinder hätten, lautet die Antwort meist dass es nötig sei viele Kinder zu bekommen, da ein Teil davon es einfach nicht bis zum erwachsenen Alter schafft. Krankheiten, Hygienemangel, dreckiges Wasser, Frühgeburten, Entfernung zum nächsten Krankenhaus, Ignoranz führen dazu dass die Sterberate der Kinder unter 5 Jahren in Angola eine der höchsten der Welt ist. Es gibt kaum eine Mutter, die nicht schon ein Kind verloren hätte, oft ohne zu wissen warum oder wie es sich hätte vermeiden lassen. Da es oft an den Mitteln und an dem Wissen fehlt, Kinder (gesund) am Leben zu erhalten, wird einfach damit gerechnet, dass einige gehen werden und erhöht deshalb die „Produktion“. Statistik in ihrer einfachsten und brutalsten Ausdrucksweise.

Wednesday, 21 October 2009

Shopping


Manchmal fehlen mir bunte Schaufenster: die neuste Mode, die neusten Bücher, die neusten Haushaltswaren, schöne Dinge, billige Sachen, nutzloses Zeug. Die meisten dieser Sachen gibt es in Angola auch zu kaufen, doch der Preis ist hoch (eine Flasche Designerparfüm kostet rund 200 EUR), die Auswahl klein, und man muss ziemlich genau wissen wo wer was verkauft, da es sicher keine „Shoppingmeile“ gibt. Märkte sind zwar interessant und gefüllt mit exotischen Früchten und Gemüsesorten, bunten Stoffen und manchmal auch kleinen Handwerksprodukten, aber auch eine sehr staubige und laute Angelegenheit, die man nach einer halben Stunde meist leid ist. Manchmal wäre ich dann gerne für einen halben Tag zu Hause, um durch die Strassen des Zentrums zu schlendern, mich mit meinen Freundinnen zu unterhalten, ein paar Kleinigkeiten zu kaufen und schließlich bei einer Tasse Kaffee auszuruhen und den vorübergehenden Menschen beim Spazierengehen zusehen.

Saturday, 17 October 2009

Baden


Wenn jemand einem die Tür zu seinem Badezimmer öffnet und freundlich sagt „fühl dich wie zu Hause“, ist es wahrscheinlich nicht sehr angebracht zu fragen: “So, und was mach’ ich jetzt?“, weil man nicht so recht weiß, was man mit zwei bunten Plastikschüsseln, einer Kanne und etwas Seife anfangen soll.

Bei mir hat es auch etwas länger gedauert bis ich die perfekte „Technik“ erlernt hatte. Hier also für alle die sich auch mal in einer ähnlichen Situation finden werden:

Man bitte um etwas warmes Wasser, falls es im Haus die Möglichkeit gibt Wasser auf einem Gaskocher zu wärmen. Auch wenn es warm ist, ist es nicht angenehm sich eiskaltes Wasser über den Rücken laufen zu lassen…

Man nehme die kleinere Schüssel und stelle sie auf den Boden, gebe etwas Wasser hinein und stelle die Füsse hinein (falls die Schüssel groß genug ist, kann knien auch ganz praktisch sein. Man nehme dann die Kanne oder Tasse, oder was sonst so zur Verfügung steht, und schöpfe damit Wasser aus der größeren Schüssel und ließe das Aasser gleichmäßig am ganzen Körper herunterlaufen. Man seife sich gründlich ein und wiederhole die Prozedur mit Kanne und großer Schüssel so oft wie nötig.

Nach den ersten Schwierigkeiten macht ein solches Badeerlebnis sogar Spaß und lässt überlegen ob der Erfinder der Dusche nicht ein besonders fauler und phantasieloser Mensch gewesen sei!

Thursday, 15 October 2009

Tchikuma


Tchikuma liegt 75 km von Ganda entfernt auf fast 1.800 Metern über dem Meeresspiegel. Die Fahrt von Tchikuma anch Ganda dauert zwischen 3 Stunden und drei Tagen, abhängig vom Wetter, dem Reparaturzustand des Jeeps, den Göttern und ihren Streichen. Von Ganda fährt man noch mal drei Stunden nach Benguela an die Küste und von dort sind es 600 km asphaltierter Strasse bis in die Hauptstadt Luanda. Tchikuma liegt also am Ende der Welt und die wenigsten dort wissen dass die Wirtschaft in Angola boomt, dass das Land reich ist und dass eigentlich allen der zirka 12 Millionen Einwohnern gut gehen könnte, wenn die Reichen sich an die Existenz der Orte wie Tchikuma erinnern würden. Tchikuma ist reich an Wasser und die Erde ist reichhaltig: von Bananen bis Kaffee, von Pfirsichen bis Bohnen, von Mais bis Zuckerrohr wächst hier eigentlich alles. Das wussten die Schweizer Missionare, die vor dem Krieg in Angola hier lebten; das wussten auch die staatlichen Truppen und die Rebellen, die sich hier erbitterte Kämpfe lieferten. Tchikuma wurde zerrüttet hinterlassen, was für die Häuser, die Kirche und die Schule, aber auch für die Herzen und Körper der Menschen gilt. Kaum einer der Männer in Tchikuma trinkt nicht zuviel Bier und lokalen Schnaps um Schreckliches zu vergessen, kaum eine Mutter hat nicht schon ein Kind verloren, kaum ein Kind muss nicht gegen Malaria und Unterernährung kämpfen. Welcher Ort ist also besser als dieser um ein kleines Krankenhaus zu bauen, um zu beginnen den Menschen wieder Kraft und Hoffnung zu geben, um Tchikuma wieder der alten Schönheit zurückzugeben?

Sunday, 11 October 2009

Wiederaufbau


In Luanda werden Hotels gebaut. Nicht nur irgendwelche Hotels, sondern Riesengebäude, mit Geschäften, Restaurants, Kinos. Ausserdem Strassen, Hochhäuser, Shopping Centre, Bürogebäude. Der Krieg ist vorbei, der Ölhandel boomt, der Reichtum glitzert und glänzt zwischen den Müllhalden. Denn Luanda ist auch eine der schmutzigsten Städte der Welt: 4 Millionen Menschen häufen sich auf und um die Hügel, die eigentlich nur für etwa 400.000 Einwohner gedacht waren. Abwässer werden direkt ins Meer gespült und rinnen an den Bordsteinen herunter. Obwohl es in den neune Vierteln sogar Tonnen für Mülltrennung gibt, sind alle anderen „bairros“ sich selbst überlassen, was meist bedeutet dass sich Müll an den Hauswänden türmt und dort verrottet. Erstaunlich ist es da nicht dass jährlich eine Choleraepidemie ausbricht und viele Tote fordert. Irgendetwas ist an dieser hektischen, unordentlichen, dreckigen Stadt jedoch faszinierend: man fragt sich wie es hier in etwa 10 Jahren aussehen wird. Wird der unkontrollierte Wachstum wirklich für alle von Vorteil sein? Auch für die Bewohner in den Armenviertel, sowie die im Rest des Landes? Wird die nächste Generation die Möglichkeit haben in einer etwas ruhigeren Stadt aufzuwachsen und nicht an Infektionen und Hygienemangel sterben? Die Herausforderung ist enorm und es ist nicht immer einfach auf wirklich positive Resultate zu hoffen…